OpenAI kauft Tech-Show "TBPN", die unabhängig bleiben, aber an den PR-Chef berichten soll
Kurz & Knapp
- OpenAI hat die Tech-Talkshow TBPN übernommen, die seit Oktober 2024 täglich Interviews mit Größen der Techbranche sendet.
- Laut OpenAI-Anwendungschefin Fidji Simo soll TBPN redaktionell unabhängig bleiben, aber auch bei Marketing und Kommunikation helfen. Die Show berichtet künftig an OpenAIs Kommunikationschef Chris Lehane. Die bisherigen Werbegeschäfte werden eingestellt.
- Hinter dem Kauf könnte der Versuch stecken, das öffentliche Narrativ über KI zu steuern. Umfragen zeigen ein geringes öffentliches Ansehen von KI, wofür im Silicon Valley angeblich auch traditionelle Medienhäuser verantwortlich gemacht werden.
OpenAI hat die Online-Talkshow TBPN gekauft, die seit Oktober 2024 Technologie-Nachrichten und Interviews mit Branchenchefs liefert.
Der Kaufpreis wurde nicht genannt. TBPN sendet täglich und konzentriert sich auf Interviews mit Größen der Techbranche. Die Folgen dauern meist zwischen 20 und 60 Minuten und werden bei YouTube meist im niedrigen vier- bis fünfstelligen Bereich aufgerufen.
Laut Wall Street Journal erreicht die Show im Schnitt rund 70.000 Zuschauer pro Folge "auf verschiedenen Online-Plattformen" und erzielte 2025 etwa 5 Millionen Dollar Umsatz durch Werbung. Für 2026 rechnete das elfköpfige Team mit mehr als 30 Millionen Dollar Umsatz.
TBPN wird OpenAIs redaktionell unabhängige Kommunikationsabteilung
Laut OpenAI-Anwendungschefin Fidji Simo soll TBPN redaktionell unabhängig bleiben, aber auch bei Marketing und Kommunikation helfen. Die Werbegeschäfte der Show würden eingestellt. TBPN berichtet künftig an OpenAIs Kommunikationschef Chris Lehane, behalte aber die Kontrolle über Programm, Gäste und Inhalte.
Die Zusicherungen widersprechen sich selbst. Ein Medium, das an die Kommunikationsabteilung eines Unternehmens berichtet, ist definitionsgemäß nicht unabhängig. OpenAI bezahlt die Gehälter, bestimmt die Struktur und kann jederzeit Personal austauschen. Dass die Redaktion vorerst ihre Themen selbst wählen darf, ändert daran nichts. Redaktionelle Unabhängigkeit erfordert strukturelle Unabhängigkeit. Beides gleichzeitig zu versprechen, Einbindung in die Unternehmenskommunikation und freie Berichterstattung, ist ein Widerspruch.
Simo begründet die Übernahme damit, dass das übliche Kommunikationshandbuch für OpenAI nicht passe und man eine "konstruktive Diskussion" über KI fördern wolle. Das könnte OpenAI aber auch als Sponsor der Sendung tun, womöglich auch bei ähnlichen Formaten. Stattdessen kauft man gleich den ganzen Laden.
Gerade OpenAI, das im öffentlichen KI-Diskurs regelmäßig in der Kritik steht, ist für ein unabhängig agieren wollendes Medium wohl der denkbar schlechteste Eigentümer. "Ich erwarte nicht, dass sie uns gegenüber nachsichtiger werden, und ich bin sicher, dass ich mit gelegentlichen dummen Entscheidungen meinen Teil dazu beitragen werde, das zu ermöglichen", schreibt OpenAI-Chef Sam Altman.
Das klingt nach Selbstironie, beantwortet aber die entscheidende Frage nicht: Wenn OpenAI keinen Einfluss auf die Berichterstattung nehmen will, warum kauft das Unternehmen dann die Show? Sicher nicht, um Geld zu verdienen. Die Werbeeinnahmen werden eingestellt und wären für OpenAI ohnehin nicht mal Taschengeld.
Meinungsmache
Wahrscheinlich steckt hinter dem Kauf weniger eine OpenAI-spezifische als eine generelle KI-spezifische Motivation. Medienunternehmen untersuchen Themen ihrer Aufgabe gemäß auf Chancen und Risiken. Umfragen zeigen, dass KI zwar viel genutzt wird, das öffentliche Ansehen aber gering ist. Im Silicon Valley gibt man dafür laut WSJ auch traditionellen Medienhäusern die Schuld.
Simo selbst stützt diese Lesart. Ihre Forderung nach einer "konstruktiven Diskussion" über KI leitet sie direkt aus OpenAIs Mission ab, künstliche allgemeine Intelligenz zum Wohle der Menschheit zu entwickeln. Das impliziert zweierlei: dass diese Diskussion anderswo nicht stattfindet, zumindest nicht so, wie OpenAI sie sich vorstellt. Und dass OpenAI sich berufen fühlt, das zu korrigieren.
Möglich also, dass OpenAI sich Influencer gekauft hat, die Berichterstattung seltsam bieder im Stil klassischer US-Nachrichtensender inszenieren, um das öffentliche Narrativ über KI in OpenAIs Sinne zu verschieben. Lobbying für die gesamte Bevölkerung, verpackt als Journalismus. Ein Safe Space für Tech-Größen, die wie bei Joe Rogan, Lex Fridman und Co. ihre Thesen zur Zukunft der Menschheit verbreiten dürfen, Thesen, die häufig dem eigenen Profit dienen, ohne Widerspruch fürchten zu müssen.
Oder es ist schlichter als gedacht: TBPN-Moderator John Coogan schreibt auf X, er arbeite seit über einem Jahrzehnt mit Altman zusammen. Altman habe 2013 sein erstes Unternehmen finanziert. Vielleicht ist der Kauf auch einfach ein Freundschaftsdienst.
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